Anne setzte sich in ein Café und starrte durch das Fenster, ohne den Hut und Mantel abzulegen. Sie sass dort einige Minuten lang und vertiefte sich in ihre Gedanken, bis sie die Stimme der Kellnerin neben sich hörte: 

– Was kann ich Ihnen bringen? – ein weiches Bett mit einer kuscheligen Decke, ein Kissen und Ruhe, bitte. Stille in doppelten Portionen, wenn ich bitten darf.

Sie machte einen Witz und lächelte, aber die Kellnerin wusste das nicht zu schätzen…

Anne bestellte Tee mit Milch. Sie hörte, dass man ihn in England auf diese Weise trinkt. „Ah, England!“, – dachte sie und lächelte. Seit 2 Jahren ist sie nicht mehr im Urlaub gewesen. Das machte sie traurig.

Wie konnte es passieren, dass eine kluge Frau, eine ausgezeichnete Studentin an der Universität, ein Mädchen mit einer perfekt gestarteten Karriere in einem internationalen Unternehmen, sich in nur 2 Jahren in eine müde und ewig unzufriedene Frau verwandelt hat?

Anne sah immer jünger aus, als sie war. Es muss ihre positive Einstellung und ihr Optimismus gewesen sein, die sie hat jünger aussehen lassen.

Aber in letzter Zeit hat sich etwas geändert. Jetzt konnte sie nur noch Kritik, Vorwürfe und Unzufriedenheit mit ihrer Arbeit, ihrer Einstellung und ihren Handlungen hören. Und all ihre Versuche, zu ihrem gewohnten positiven Selbst zurückzukehren, bewirkten genau das Gegenteil. Sie halste sich mit mehr Arbeit auf. Sie flüchtete sich in noch mehr Arbeit. „Es wird wieder gut werden, ertrage es nur noch ein bisschen mehr,“ – sagte sie zu sich selbst. Aber dieses „gut werden“ kam nicht. Und stattdessen wurde es zu einem bitteren und traurigen Gefühl der Sehnsucht und Traurigkeit. Sie weinte sehr viel und verbarg ihr trauriges Gesicht vor ihrem Mann und ihren Kindern. Sie schämte sich, ihnen ihre Schwäche zu zeigen. Sie schämte sich, zuzugeben, dass sie sich so fühlt, wie sie sich fühlt. Schließlich geht es ihnen gut. Die Kinder lieben ihre Mutter, der Ehemann ist stolz auf seine Frau, ihren starken Charakter und ihr gütiges Herz. Die Eltern freuen sich über das glückliche Leben ihres Kindes.

„Wie kann ich es also wagen, so zu empfinden?“ – dachte sie. Ich darf das nicht. Das ist inakzeptabel ja sogar peinlich.

Aber es gab nichts, was sie dagegen tun konnte. Und als sie ihren sehr lieben Schlaf verlor, beschloss Anne, einen Spezialisten zu konsultieren.

-Ich habe das Gefühl, mein Zug ist von der Schiene abgekommen und rollt auf einer Klippe! Und ich schaffe es nicht mehr und kann ihn nicht anhalten. Und sobald sie es dem Arzt gesagt hatte, fühlte sie sich besser. Als ob sie ihrer Grossmutter gestanden hätte, dass sie etwas verbotenes getan hat.

Und Anne hatte das innere Gefühl, dass jetzt alles wieder gut wird. Es war, als ob sie das Licht am Ende des Tunnels sah.

Dann gab es lange Wochen der Genesung. Yoga, Meditation, Bücher lesen, ein Tagebuch über ihre kleinen Siege über sich selbst schreiben, Übungen in Machtposen, Mandalas färben, Chopins Musik hören, Spaziergänge an der frischen Luft und Laufen im Wald.

Und die Ängste begannen zu verschwinden. Und stattdessen kam ein echtes Lächeln, das die aufgesetzte Maske ersetzte. Ein freundliches Lächeln. Ein aufrichtiges Lächeln. Ein Lächeln der Freude über den Erfolg anderer Menschen. Und auch für ihren eigenen Erfolg. Und ein guter Schlaf, wie ein guter alter Freund, kehrte zurück. Wie sie im Café bestellt hatte:

-…ein weiches Bett mit einer kuscheligen Decke, einem Kissen und Stille, bitte. Stille in doppelten Portionen, wenn ich darf.